Sterben und Tod in unserer Gesellschaft

      Original geschrieben von Muh
      Ganz Hamburg trauert: Antje ist tot! :traurig: :traurig: Ein natürlicher Tod mit 27 Jahren. Sanft entschlafen.

      Muh, wer ist das nun???? Vielleicht lebe ich hinter dem Mond, aber ganz Hamburg trauert, so - nun ja, ehrlicherweise finde ich, richtig trauern kann man eher, wenn man der Person nahestand. Mitgefühl aufbringen okay, aber trauern ist schon ein bißchen übertrieben.

      sonne
      Hallo Rumpel.
      In unserem Spital? Das Wort finde ich übrigens klasse...
      Es ist schon so, daß die "Kandidaten" meistens, wenn es möglich ist in ein Einzelzimmer kommen, aber ich sehe das eher nicht negativ. Dann haben Angehörige die Möglichkeit Abschied zu nehmen, am Bett zu wachen, den Sterbenden die Begleitung angedeihen zu lassen, die "wir" leider nicht leisten können. Da ich auf einer Krebsstation arbeite, ist das leider auch ziemlich häufig der Fall. Wichtig ist, den Angehörigen die Angst zu nehmen. Zum Glück muß ja heute keiner mehr starke Schmerzen aushalten. Wobei, irgendwie kommt es immer so drauf an. Ich weiß nicht, ob ich einfach so wegdämmern wollte, ob ich nicht bis zum Ende bei Bewußtsein bleiben wollen würde. Das würde wohl im Einzelfall von den Schmerzen abhängen. Meistens hat man den Eindruck, "Angehörige" leiden noch stärker als letztlich die Patienten und manche Reaktionen sind einfach nur normal. Verstehe zum Beispiel nicht warum einem Menschen Medikamente gegeben werden sollen, der einen Menschen aus dem engsten Familienkreis verloren hat. Nur weil die "Anderen" jemandn nicht leiden sehen können. Schon verrückt.
      Andererseits könnte man ja auch sagen, daß der Tod bzw. das Sterben so natürlich ist, daß doch der Mensch eben gerade nicht in ein Einzelzimmer geschoben werden sollte. Alle, die in dem Zr. zurückbleiben müssen ja "Angst" vor dem, "was dann" entwickeln. Aber da gibts dann ja auch wiederum völlig verquere Ansprüche von seiten der Mitpatienten. Statt ein gesundes Maß an Mitgefühl bei weniger Schwerkranken, hört man dann am nächsten Tag nur Vorwürfe :" So geht das nicht" "Zu laut" "konnte kein Auge zu tun" etc. wobei das noch eher harmlos ist, aber heutzutage glauben viele Sie sind im Hotel und nicht im Spital.
      Soweit,
      gehe jetzt erstmal schlafen,

      Grüßle,

      Sanne
      Original geschrieben von Sanne
      Hallo Rumpel.
      In unserem Spital? Das Wort finde ich übrigens klasse...


      Hallo Sanne
      Wieso??? Sagt Ihr nicht auch Spital??
      Du arbeitest ja auf einer Abteilung, wo Du sehr viel mit dem Thema Tod konfrontiert wirst. Wie gehst Du damit um? Ist das bei den Mitarbeitern ein Thema? Oder gehört das einfach zum Job? Gibt es bei Euch sowas wie eine Auseinandersetzung damit? Teamsitzung.. Supervision?? Fände ich persönlich wichtig!!
      Verstehe zum Beispiel nicht warum einem Menschen Medikamente gegeben werden sollen, der einen Menschen aus dem engsten Familienkreis verloren hat. Nur weil die "Anderen" jemandn nicht leiden sehen können. Schon verrückt.

      Ist halt eben so. Unsere Kultur hat diese Themen nach Möglichkeit ausgegrenzt und wenn sich sowas mal nicht mehr verdrängen lässt, muss sofort zum Medikament gegriffen werden.

      Andererseits könnte man ja auch sagen, daß der Tod bzw. das Sterben so natürlich ist, daß doch der Mensch eben gerade nicht in ein Einzelzimmer geschoben werden sollte.

      Schwierig... Die Mitpatienten haben sich den ja nicht ausgesucht, weil sie ihn speziell gut mochten. Das ist doch immer eine bunt zusammengewürfelte Schicksalsgemeinschaft. Ich denke, man kann von ihnen nicht verlangen, das Zimmer mit einem Sterbenden zu teilen wenn sie das nicht wollen. Besser wäre es, der Sterbende hätte eine adäquate Begleitung in Form von Familienangehörigen oder dann eben von einem "professionellen" Sterbebegleiter, von denen es an jedem Spital mindestens einen haben sollte!!!
      In Zürich gibt es ein Sterbehospiz. Leute die sterben, sollten sowieso von einem Spital an einen solchen Ort verlegt werden können. Es müsste mehr Sterbehospize geben!! Die Ironie ist aber, das es viiiiel zu wenig gibt und auch das Zürcher Lighthouse muss ums Weiterbestehen kämpfen. Wie so oft ist dafür kein Geld vorhanden!! Was für ein Hohn!!

      hospiz.ch/index/index.cfm?page=home

      Gruss
      Rumpel
      Hallo Rumpel,
      nein wir sagen Krankenhaus oder Klinikum aber nicht Spital!
      Obwohl das jeder auch verstehen würde...

      Wie ich damit umgehe? Irgendwie gehört für mich der Tod doch zum Job dazu. Eine Supervision gint es nicht wirklich, aber wir haben eine onkologische Psychologin, mit der ich sprechen könnte, wenn ich Probleme hätte. Aber so etwas wie eine Balint-Gruppe gibt es nicht. Es gab mal den Versuch eine feste Gesprächsgruppe für Ärzte zu eröffnen, aber mit unserer Zeit ist es doch etwas schwierig. Wenn man die meiste Zeit immer soviel arbeiten muß, hat man für solche zusätzlichen Dinge keine Zeit! Und irgendwann auch keine Lust mehr...

      Sterbehospize gibt es in unserer Umgebung zwei, in die wir regelmäßig verlegen. Wünschenswert wäre auch noch eine Palliativstation, aber dafür gibt es eben kein geld!
      Hoffe, daß euer Sterbehospiz bestehen bleibt!

      Grüßle,

      Sanne:D

      Sanne schrieb:


      Sterbehospize gibt es in unserer Umgebung zwei, in die wir regelmäßig verlegen. Wünschenswert wäre auch noch eine Palliativstation, aber dafür gibt es eben kein geld!
      Hoffe, daß euer Sterbehospiz bestehen bleibt!


      Hi Sanne!
      Ich hab' Dich soeben im Forum gesehen und mich erinnert, dass da noch irgendein Thread rumschwirrt, in den Du mal was geschrieben hast... und siehe da!! Schon gefunden!!
      :grohl:

      Ich scheine im Moment (oder schon seit längerem) ein Faible zu haben für "schwere" Themen... Angst, Tod...!! Aber was soll's. Hab' halt keine Lust, auf jeden Thread hier zu antworten... gibt ja genug hilfreiche "Seelen". :grohl: Wozu ich aber Lust habe, ist eben, mich über andere Themen auszutauschen und da gehört dieses Thema halt immer noch dazu!!

      Es nervt mich gerade mal wieder über alle Massen, wenn ich lese, das für eine Palliativstation kein Geld vorhanden ist. Unser Sterbehospiz kämpft auch nach wie vor gegen die Schliessung!! Es ist unglaublich, wie blöd sich unsere Gesellschaft anstellen kann in dieser Beziehung (natürlich nicht nur in dieser, in 1000 anderen auch...). Aber Sterben ist ein Thema, das JEDEN betrifft, wir alle geben mal den Löffel mehr oder weniger freiwillig ab. Aber Einrichtungen für ein menschenwürdiges Sterben? Nein danke! Kein Geld!! Das stecken wir lieber in die Armee, in Autobahnen und ähnlich "nützliche" Dinge!! Ah Shit!!

      Ach... komm grad nicht mehr weiter!! Aber vielleicht antwortet ja mal wieder jemand auf diesen Thread. Oder gibt's jemand von Euch, der ewig lebt oder ewig leben möchte?? :grohl:
      Hallo Rumpel,
      ich antworte!

      Entdeckte eben gerade Deinen thread. War halt im Sommer eben noch nicht so oft hier, da hatte ich das einfach verpasst. Ende November hatte ich mich dumm und dämlich im Netz gesucht, weil ich den Tod eines Freundes fassen, verstehen, verarbeiten wollte. Dieser thread hätte mir sicher geholfe, auch wenn es hier "nur" um Krankheit oder natürlichen Tod geht. Es gibt ja auch noch die, die freiwillig gehen. Ohne Abschiedsbrief...

      Aber zunächst eine Antwort auf Deine letzte Frage: mein Ex-Freund träumte vom ewigen Leben! Er las viel Science Fiction und erzählte mir oft, wie toll das wäre, wenn es nie ein Ende gäbe. Ich fand die Idee nicht so attraktiv, da ich nicht mit 200 Jahren völlig alt und verschrumpelt meinen Ur-ururenkeln erzählen mag, was ein Fahrrad ist und wie ein Gasherd aussieht... D.h., ich mag nicht als letzte meiner Generation und der 2-3 mir folgenden Generationen in einer mir völlig fremden Welt leben. Frage mich ja schon, wie das die Leute deichseln, die demnächst 120 werden. In Japan soll es davon mehrere geben. Zurûck zu meinem Ex und seinem Traum: er kann sich das ewige Leben nur so vorstellen, dass man nicht altert! Aber lebt. :doof: Aber das ist eben doch ein wenig science fiction und mir etwas fremd.

      Schön, dass Du Dich mit solchen Themen beschäftigst.

      Ich habe mich recht früh mit Fragen nach dem Sinn des Lebens beschäftigt. Auch wurde mir schon früh klar, dass unser Leben sehr fragil ist. Ein Körper ist keine Stahlkarosse.
      Ich mache mir aber weniger Sorgen um meinen eigenen Tod. Aber manchmal fürchte ich einfach, dass anderen was passieren kann.
      Wie ich schon sagte, ein Freund hat Selbstmord begangen. So etwas ist wie ein Erdbeben im Leben - wenn Du selber gerade etwas schwach auf den "Beinen" bist . Man fragt sich nicht nur, ob man dafür mit-verantwortlich ist. Man fragt sich auch, was einen Menschen so einen Gedanken tatkräftig umsetzen lässt. Du bist total aufgeschmissen, da derjenige die Fragen nicht beantworten kann. Du fragst Dich, ob er das Recht hat, so zu handeln, fragst Dich, ob es nicht vielleicht doch die einzige richtige Antwort war. Fragst Dich, ob solch eine Handlung mutig oder feige ist. Und wenn es jemand ist, in dem Du einen Seelenverwandten gesehen hast, das Gefühl hattest, dass man noch viel reden kann und ihm auch helfen kannst, da Du ja meinst, ihn verstehen zu können - dann fühlst Du Dich auch verlassen. Von den guten Geistern.

      Ich glaube, dass der Tod und das Leben ganz nah sind. Eigentlich ist es dasselbe. Du kannst lebendig in eine andere Dimension rutschen - und hörst dann sogar die Stimme des Toten, ohne jegliche Einbildung.

      Leben scheint mir eine Kunst zu sein, die bewusst praktiziert werden muss. Du hast die Wahl, Dich vom Tod berühren zu lassen. Du kannst monatelang in Deinem Elan nachhause kommen und Erinnerungen an den Toten sehen - und auf einmal kraft- und elanlos vor den Bildern zu stehen und Dich fragen, was Du eigentlich gerade empfindest und denkst, denken sollst, glauben möchtest... Und zu keiner Antwort kommen. Denn die Antwort besteht darin, sich durch den Tod nicht seinen Elan nehmen zu lassen. Jemand sagte mir vor kurzem: "Du wirst nicht vergessen!" D.h., vergessen heisst überleben aber nicht vergessen. Der Elan muss fliessen - die Erinnerungen müssen zu den Akten in die Schublade.

      Leben heisst kämpfen für das Leben.

      Puuh, ok, das war nun sehr viel was ich hier geschrieben habe, aber ich glaube, dass ich zum ersten Mal formulieren konnte, was mich seit mehr als 2 Monaten sprachlos macht.

      Vielleicht kann der eine oder andere ja was damit anfangen.

      Jule
      Ich möchte noch hinzufugen, dass ich solche Baum-Rituale wie Rumpel es beschreibt, wunderbar finde!

      Die katholische Kirche kennt offenbar "Seelendienste". Morgen ist der Seelendienst des Freundes, es findet ein Gottesdienst für ihn statt. Soll man zu so was gehen? Muss man das? Ist man das den Angehörigen schuldig? Hätte den inzwischen Toten so was überhaupt gejuckt? Wem hält man die Treue? Den Hinterbliebenen, denen er das Schauspiel eines baumelnden Sohnes im Dachboden "angedeihen" lassen wollte?

      Alles was wir auch tun, scheint für die Hinterbliebenen zu sein. Den Menschen können wir nur zu Lebzeiten Gefallen tun. Alles andere ist die Entwicklung von neuen Beziehungen, die man vielleicht gar nicht will...

      Wie auch immer, ich glaube, ich habe es überstanden. Und gehe dahin und gucke mir das mal an. Aber mit der notwendigen Distanz und der erforderlichen Gleichgültigkeit.
      Ich weiß nicht, ob das mit dem ewigen Leben so toll wäre, selbst wenn man (ab wann?) nicht altert. So nach ein paar 100 Jahren hätte man dann zum x-ten Mal die tollste Leidenschaft oder die schrecklichste Trennung erlebt, wär zum x-ten Mal gefeuert worden und hätt wieder was Neues gefunden, uswusw. Wahrscheinlich käme dann eine Tendenz auf, dass sich alles irgendwie abschleift und weniger intensiv wird. Weil die wenigsten damit klarkämen (die würden wohl Meditieren), gäbe es wahrscheinlich immer extremere Möglichkeiten, sich zu pushen. Wahrscheinlich würden die meisten dann an allzu heftigen Kicks schließlich doch sterben.
      Hi Twin!!
      Ganz bestimmt!! Ich wage zu behaupten, dass wir gar nicht ein paar hundert Jahre hier sein müssten, um genug zu haben!! Ich denke, der Grossteil der Menschen wäre schon nach 150 Jahren lebenssatt, vielleicht schon vorher... oder eben des Lebens müde!! Irgendwann hat man alles gesehen, alles geschmeckt, alles erlebt... und es gibt keinen Kick mehr!! Und ALLE würden gehen wollen!!! Jede Wette!! Was für ein Horror... ewiges Leben?? Nein danke!!! Aus ganzem Herzen, nein danke!! Und wenn man auch reich wäre, sich jeden Wunsch erfüllen könnte... auch dann: Der Wunsch, Schluss zu machen, kommt!! Und nicht erst nach hunderten von Jahren!!! Ewiges Leben?? :doof: :doof: