Die Werte der westeuropäischen Leistungsgesellschaft

      Nindscha schrieb:

      Kostet es denn soviel mehr ein Kind aufs Gymnasium zu schicken wie auf die Realschule? Okay - bis zum Abitur dauerts länger, aber sonst dürften sich die grundkosten ja wohl nicht so wesentlich unterscheiden.
      es geht wohl eher darum, dass die kinder auch frühestmöglich geld verdienen.
      Erni
      In meinen Augen "verfallen" Noten nach wenigen Jahren. Egal an welches Fach ich denke, schon 1 Jahr später hab ich das gelernte und geprüfte zu 75% vergessen. Nur wenige Sachen, die eng an meinen Interesssen oder regelmässigen Tätigkeiten liegen bleiben wirklich frisch und aktuell.

      Wenn ich jetzt eine meiner Uniklausuren oder Abiturklausuren schreiben müsste, es würde den Bach runtergehen. Diese Noten sind eine einzige Aussage: Hat die Person zu einem bestimmten Zeitpunkt t die Fähigkeit gehabt die gestellten Aufgaben korrekt zu lösen in einem Thema das in den letzten Wochen oder Monaten gelernt wurde. Also kann das auch sein 1 Woche pauken, schreiben, vergessen.

      Eine gute Note ist gewissermassen eine positive Aussage:
      - Ich kann mich in ein aktuell relevantes Thema einarbeiten.
      - Ich kann das Gelernte an ähnlichen Aufgaben anwenden.
      - Ich kann es auch unter Stress produzieren.
      auch:
      - Ich kann mich auf Termine einstellen, denn am Tag x muss ich es können.
      - Ich kann mich auch mit unliebsamen Pflichten befassen.

      Gute Noten in mehreren Fächern sagen zudem:
      - Ich kann mich in verschiedene Themen zumindest zu einem guten Mass einarbeiten um meine Aufgaben weitgehend gut zu lösen.

      Das ist für die Arbeit immer relevant. In der Arbeit ist es der Klausr ähnlich, ich muss mich in etwas einarbeiten und dann eine Aufgabe lösen. Wenn ich das gleiche öfter brauche, dann prägt sich das mit der Zeit ein.


      Dennoch sind Noten nicht vollständig. Sie beschreiben einen sehr eng begrenzten Prüfungsfall. Es gibt ein Thema, es gibt Material. Das sagt nichts über Teamfähigkeit, die Möglichkeit zur Recherche, Selbstständigkeit, etc. Also für die Praxis lässt es einiges vermissen.

      Und generell ändern sich Menschen mit der Zeit. Eine Note, die 3 Jahre alt ist, ist schon wertlos. Was bringt mir das zu wissen wie der Mensch vor 3 Jahren war. Wie ist er heute?


      Man kann relativ gut sagen, es zählt immer nur die jüngste Bewertung so richtig. Abitur ist nach Studium unwichtig. Studium ist nach ein paar Jahren Beruf unwichtig.

      -JAW
      Ich hab die Diskussion jetzt nicht so akribisch mitverfolgt, hoffentlich passt das jetzt zum Thema:

      Ich hab die größte Hochachtung vor Leuten, die es mit eigener Kraft, eigenem Willen und häufig auch selbst verdientem Geld geschafft haben, sich eine qualifizierte Ausbildung zu geben. Dass ich eine qualifizierte Ausbildung habe, ist demgegenüber fast überhaupt keine "Leistung". Für meine Eltern war das selbstverständlich, die haben mir quasi alles vorne und hintenreingeschoben, wenn ich nur brav lerne. Natürlich musste ich nicht nebenher jobben oder sowas. Ich kannte Leute, die in den Klausuren fast eingepennt wären, weil sie als Nachtwächter, Leichenwäscher (da hat man gut verdient!) etc gearbeitet haben, da sie sich die Ausbildung sonst nicht hätten finanzieren können.

      Da ich eine ziemlich unverkorkste Kindheit hatte und mich später bloß um meine Ausbildung kümmern musste und ansonsten "spielen gehen" konnte wie ich wollte - ich konnte auch ganz bequem zuhause wohnen solange ich wollte - musste ich längst nicht so viel Organisationsfähigkeit, Auffassungsgabe etc mitbringen wie die "Kollegen", die teilweise sogar gegen den Widerstand ihrer Eltern ("Ach Junge, wieso tust du dir das an") eine qualifizierte Ausbildung gemacht haben. Wenn es solche Leute, die überhaupt keine Unterstützung haben, dann schmeißt, ist das wirklich nicht in der Regel mangelnde Leistungsbereitschaft oder intellektuelle Blödheit.

      Dass - jedenfalls in Deutschland - jeder der was lernen WILL auch was lernen KANN ist nach wie vor ein Mythos, der selbst mich ärgert, wo ich selber es da ja nun wirklich sehr leicht hatte.