Gute-Nacht-Geschichten

      Gute-Nacht-Geschichten

      Ein schönes Leben

      Es war einmal zu einer Zeit, als die Sterne noch keine Namen hatten, da lebten in einer Welt alle Lebewesen in Liebe und Harmonie miteinander – die Pflanzen wuchsen so, wie sie es aus sich heraus fühlten, das Wetter meinte es mit allen gut und auch die Tiere lebten jedes nach seiner Art und waren dankbar für jeden Tag, an dem die Sonne auf sie schien.
      In dieser Welt gab es auch das Land der Schmetterlinge. Dukatenfalter und Admiral, Pfauenauge, Schimmerfalter und Nachtfalter lebten in großer Freude und kamen gut miteinander aus. Sie tranken die Tautropfen von den Blättern der Pflanzen, bis sie davon satt waren – der Riesenfalter trank hundert Tropfen, um nicht zu verdursten und der zarte Marienfalter nur einen halben, dann war er satt. Auch der Nektar der Blumen fand unterschiedliche Geschmäcker – der Zitronenfalter liebte den Nektar der Taubnessel und das Pfauenauge den des Löwenzahns. Wenn es regnete, trafen sie sich unter den großen Blättern der Kastanie und freuten sich über einen netten Plausch. Die jungen Raupen gingen bei ihren Eltern in die Schule und lernten alles, was für einen angehenden Schmetterling wichtig war.

      Nun geschah es, dass nach einem besonders langen Regen eine große Pfütze stehen geblieben war und der Schimmerfalter daran vorbei flog. Er erkannte sich in seinem Spiegelbild und war fasziniert vom Glanz seiner Flügel. Beeindruckt flog er von einem Falter zum anderen, um ihnen von der Entdeckung zu berichten.
      Der Admiral sah ihn sich an und sagte: „Freilich schimmern deine Flügel sehr schön“ und überlegte, was ihn selbst denn so besonders auszeichnete. Dabei fiel im auf, dass er zuhause regierte und seine Kinder ihm deshalb immer voller Ehrfurcht begegnen könnten. Mit diesem Eindruck flog er rasch nach Hause und erzählte seiner Frau davon. Auch sie meinte, dass er etwas Besonderes sei und hielt die Kinder an, jedes Mal, wenn der Vater vorbeikommen würde, ehrfürchtig den Kopf zu neigen.

      Als der Schimmerfalter beim Dukatenfalter vorbeikam, war der gerade dabei, Tautropfen zu trinken. „Schau mal, wie schön meine Flügel schimmern“ sagte der kleine Schimmerfalter ganz fröhlich. Weil der Dukatenfalter noch den Mund voll hatte, konnte er nicht gleich antworten, überlegte sich jedoch, was ihn besonders machte und meinte, er wäre ja der beste Experte beim Verkosten von Tautropfen und könnte doch eine Bank eröffnen, in der die Schmetterlinge besonders gute Tautropfen sicher verwahren konnten.
      Ähnlich ging es dem Zitronenfalter, der meinte, er verstünde besonders viel vom Nektar und könnte mit seinen zahlreichen Kindern nur noch Nektar sammeln gehen und dann gegen Tautropfen mit anderen Faltern tauschen.
      Viele andere Falter suchten sich in ähnlicher Weise etwas, was sie besonders machte und richteten sich ihr Leben neu ein.

      Weil nun aber die Kinder kaum noch Beachtung bekamen – die Eltern mussten ja daran arbeiten ihre neue Lebensaufgabe so gut zu erfüllen, dass sie damit erfolgreich waren – beschloss der Ammenfalter, einen Kindergarten einzurichten. Der Zuspruch war riesig und alle Falter waren der Amme sehr dankbar für ihre Unterstützung.
      Allein jedoch war die Amme kaum in der Lage, jedem Falterkind so zu helfen, dass es seine eigene Besonderheit finden konnte. So mussten alle das Gleiche lernen und wer aus der Reihe tanzte, wurde gerügt. So kam es, dass sich die Falterkinder daran gewöhnten, auf die Anordnungen von außen mehr zu achten, als auf die Sprache ihres Herzens, welches sich bei dem einen oder anderen noch ab und zu leise gegen die verordneten Verhaltensregeln wehrte.

      Ja, und weil der zarte Schimmerfalter allen so gefiel, wollte jeder so aussehen wie er. Das Pfauenauge bürstete jeden Morgen seine Flügel, um die kräftige Farbe davon zu entfernen und war immer wieder traurig, wenn besonders bei den blauen Augen noch ein Hauch Farbe übrig blieb. Leider konnte es nun nicht mehr fliegen, doch das störte es nicht sonderlich, denn es fühlte sich beinahe so schön wie der Schimmerfalter.
      Der Riesenfalter konnte sich das Weinen seiner Kinder, die viel größer und kräftiger waren als der Schimmerfalter, nicht länger anhören und schnürte die zarten Leiber mit ein paar Fäden so ein, dass sie nicht größer wachsen konnten. Und auch diese Kinder konnten nicht mehr fliegen, denn obwohl der Körper klein geblieben war wuchsen die Flügel so groß, wie es ihnen bestimmt war – doch der kleine Körper konnte die riesigen Flügel nicht tragen und sie erst recht nicht mehr zum Fliegen ausbreiten.
      So gaben sich die Schmetterlinge damit zufrieden, dass sie nicht mehr fliegen konnten, sondern nur noch laufen. Es verging Jahr um Jahr, die Falter erinnerten sich kaum noch daran, dass sie früher fliegen konnten und jeder dachte, er komme vorwärts, wenn er nur einen Weg immer geradeaus gehen würde. Niemand bemerkte, dass der gerade Weg – egal in welche Richtung – sie immer im Kreis führte, solange sie nicht verstehen würden, wozu sie denn wirklich auf der Welt wären.

      Fortsetzung im nächsten Beitrag

      Forsetzung – Ein schönes Leben

      Nur der kleine Schimmerfalter – das war der Urururur- ich weiß nicht wievielte Enkel des ersten Schimmerfalters – war so geblieben, wie er von Anbeginn war. Dass er fliegen konnte wusste er jedoch nicht, denn Fliegen wurde im Kindergarten nicht gelehrt. Bis er eines Tages nach einem Regen, in welchem er nicht mehr schnell genug das Blätterdach der großen Kastanie erreicht hatte, seine Flügel ausbreitete, um sie in der Sonne zu trocknen. Plötzlich kam ein Windstoß von vorn und hob ihn hoch in die Luft. Das war für ihn zuerst ein gar beängstigendes Gefühl, denn er wusste ja nicht, was Fliegen bedeutete. Dann aber bewegte er seine Flügel und spürte die Kraft, die ihn auf einmal durchströmte, ein Gefühl von Glück und Freude, das er überhaupt nicht gekannt hatte. Begeistert darüber flog er zu den anderen Faltern, die noch unter der Kastanie saßen, weil sie einen zweiten Regenschauer geduldig abwarteten. Wie entsetzt waren sie, als sie den Schimmerfalter fliegen sahen und hielten ihren Kindern die Augen zu, damit sie davon keine Albträume bekämen. Sie schrieen und fuchtelten mit den Flügeln und verjagten den Schimmerfalter.

      Dieser „schwerwiegende Vorfall“, wie es der Admiral nannte, wurde besprochen und es wurde festgelegt, dass alle, die es erlebt hatten, darüber strengstes Stillschweigen wahren sollten. Die Wächterfalter wurden beauftragt, den betreffenden Schimmerfalter außer Landes zu bringen. Der Dukatenfalter versprach, dafür ein paar besonders gute Tautropfen zu spendieren und der Zitronenfalter stellte noch den kräftigen Nektar der Silberdistel in Aussicht, wenn nur ja seine Kinder von diesem Individuum nicht verdorben würden.
      Der Schimmerfalter war sehr enttäuscht von der Reaktion der anderen, aber um sie nicht zu verärgern, flog er auf und davon – er wusste ja, dass er so schnell, wie er wollte zurückkehren könnte und niemand hätte Macht über ihn.

      Nur ein ganz kleines Pfauenauge war entzückt und konnte den Gedanken an den fliegenden Schimmerfalter nicht vergessen. So machte es sich auf den Weg, dem Schimmerfalter zu folgen. Weil ihm jedoch die Bürste, mit der es sich jeden Morgen die Flügel abbürstete zu schwer wurde, ließ es sie unterwegs einfach liegen.
      Bald fand das Pfauenauge den Schimmerfalter und beide freuten sich über das Wiedersehen. Die ganze Nacht erzählten sie einander von ihrem Leben. „Was bist du denn für ein unordentlicher Falter, dass du dir niemals die Flügel bürstest?“ fragte das kleine Pfauenauge, das es nicht besser wusste. „Nun, würde ich meine Flügel bürsten, dann würde der einzigartige Schimmer verloren gehen und ich könnte nicht mehr fliegen“ antwortete der Schimmerfalter.

      Ganz erstaunt darüber sah sich das Pfauenauge seine eigenen Flügel an und bemerkte die wunderschöne Zeichnung, die inzwischen schon wieder recht farbenprächtig zum Vorschein gekommen war. Davon bekam es in seinem Innern so ein wohlig beschwingtes Gefühl, dass es sich kaum halten konnte. Vor lauter Übermut hüpfte das Pfauenauge hoch und küsste den Schimmerfalter mitten auf die Nase. Gleich darauf aber wurde es wieder nachdenklich und sagte:
      „Schimmerfalter, du hast den Schimmer davon bekommen, dass wir fliegen können, ich habe Augen, um zu sehen, dass wir da unbedingt etwas unternehmen müssen. Ich werde wieder meine Flügel bürsten und zu den anderen zurückkehren. Dann erzähle ich meinen Freunden, was ich erlebt habe und vielleicht kann ich sie überreden, mit mir zu kommen. Dann werden wir ein neues Land gründen, in dem jeder so sein kann, wie er es selbst mag, in dem keine Amme mehr mit dem Rohrstock steht, keine Riesenfalter gewickelt werden, es keine Bürsten für Flügel gibt und die Tautropfen und der Nektar nicht denjenigen gehören, die am kräftigsten beim Sammeln sind und dann in den muffigen Töpfen verderben …“ Ganz beschwingt von diesen Ideen hüpfte das Pfauenauge schon mal ein wenig flatternd davon.

      Und so geschah es dann auch. Als das kleine Pfauenauge zurückkam, fand es zwar viel Abwehr und noch viel mehr Angst vor der neuen Idee, aber besonders die Kinder des Riesenfalters, die viel Pein über sich ergehen lassen mussten, freuten sich an dem Gedanken, anders sein zu dürfen, als es ihnen vorgeschrieben wurde. Weil jedoch der Gedanke so geheim gehalten werden musste, damit er nicht wieder verboten wurde, wählte das Pfauenauge die Nacht aus, in der viele Falter schliefen. Drei Kinder des Nachtfalters konnte es als Gleichgesinnte gewinnen und sie breiteten nun nachts die Gedanken aus, so dass viele dachten, sie würden träumen.
      So kam es, dass eines Tages viele Falter bei einem Treffen unter der großen Kastanie auf ihre Träume zu sprechen kamen und bemerkten, dass beinahe alle das Gleiche dachten. Das war ein Hallo und ein glückliches Getuschel. Der Admiral versuchte zwar, dagegen anzukommen und wollte wieder ein Gesetz erlassen, das ausdrücklich das Fliegen verbot, doch es war längst zu spät – es gab sehr viele Falter, die spürten, dass sie fliegen konnten und einfach drauflos flogen in die herrliche Morgensonne hinein und jene, die es noch nicht konnten, warfen Bürsten und Mieder fort und machten sich jeden Tag neuen Mut, morgen ganz sicher dem Fliegen ein Stückchen näher zu sein.

      © bei mir
      Kurze Vorgeschichte - mein Junior chattete mal mit einem Mädchen, die sich umbringen wollte - er war ziemlich entsetzt darüber und hilflos. Sie war 13, ritzte sich und hatte Skolliose (verbogenes Rückgrat) - sie sollte ein Korsett aus Acryl tragen, in dem sie sich ganz schrecklich fühlte. Zum Aufmuntern hab ich ihr dann das Märchen geschrieben...

      ****************

      Das Märchen von der kleinen Raupe

      Es war einmal eine kleine Raupe, die wunderschön aussah – sie hatte seidig glänzende, schwarze Haare, die in kleinen Büscheln auf ihrem Rücken standen und dazwischen leuchteten winzige lichtgrüne Punkte, die wie Sterne am Nachthimmel aussahen. Sie liebte es, auf dem Brennnesselzweig, den sie bewohnte, bis an die Spitze zu kriechen, um dort ein Sonnenbad zu nehmen. Hier wuchsen auch die zartesten Spitzen, von deren Köstlichkeit sie immer nur winzige Bissen nahm, um das Blatt nicht zu zerstören.
      Leider war das ein seltenes Vergnügen, denn die Kreuzspinne, die die Raupen betreute, verbot es, dorthin zu gehen. Alle anderen Raupenkinder waren hellgrün und vertrugen die Sonne nicht. Außerdem bangte die Spinne darum, dass sie die Amsel zu schnell entdecken und als Frühstück verspeisen könnte. So meinte denn die Spinne, dass die kleine Raupe auch Schaden nehmen könnte, ohne sich Gedanken darüber zu machen.

      Als die kleine Raupe wieder einmal auf dem Weg zur Blattspitze war, wurde die Kreuzspinne wütend und band sie schließlich mit einem dünnen Faden in der Nähe des Stängels fest. Und weil sie nicht so recht daran dachte, dass die Raupe ja ganz weich und zart war, zog sie den Faden so fest, dass er tief ins Fleisch schnitt und sehr wehtat. Was sollte die kleine Raupe denn nun tun? Sie war ganz verzweifelt und hätte sich mit dem Faden bestimmt noch tiefer geschnitten, wenn nicht ein kleiner Sonnenstrahl bei ihr vorbeigeschaut hätte.
      Dieser hatte sich mit der Raupe im Frühling angefreundet und war gerade durch den Wind, der die Blätter beiseite geschoben hatte, bis zur Raupe gelangt. „Warum sehe ich dich nicht mehr an der Blattspitze?“, fragte er. „Sieh doch nur, ich kann ja hier nicht mehr weg und fühle mich so hilflos“, antwortete die kleine Raupe, „mir tut der Rücken so weh, weil der Faden so tief einschneidet.“ „Warum legst du dir denn keine Schale zu, die dich stützt und dir Halt gibt?“ fragte der Sonnenstrahl verwundert. „Wie soll ich das denn machen?“ wollte nun die kleine Raupe wissen. „Zieh aus einer Stelle nahe deines Herzens einen Faden und wickle dich darin ein. Dann solltest du schon Halt bekommen“, sagte der Sonnenstrahl und war auch schon wieder verschwunden, weil der Wind die Blätter angepustet hatte.
      Also schaute die kleine Raupe nach, ob sie wirklich einen Faden spinnen könnte. Sie fand die Stelle und siehe da – sie konnte auch tatsächlich einen Faden ziehen. Nun zog sie weiter und drehte sich gleichzeitig, bis sie ganz eingewickelt war

      Müde von der anstrengenden Arbeit schlief sie ein und träumte von Blumenwiesen und vom Fliegen. Als sie aufwachte, fühlte sie sich frisch und wie neu und irgendwie anders. Die stützende Hülle war ihr viel zu klein geworden, so dass sie sich richtig strecken musste, um sich Platz zu verschaffen. Da platzte unvermutet die Hülle auf und die kleine Raupe bemerkte, dass sie keine Raupe mehr war – anstelle der seidigen schwarzen Borsten mit den lichtgrünen Punkten waren ihr Flügel gewachsen, die samtig rotbraun schimmerten und auf jedem Flügel stand ein großes Auge, das herrlich leuchtete. Die Fühler am Kopf waren sehr lang geworden und sie fühlte sechs zarte Beine. Fast kam es ihr vor, als hätte sich die starke Hülle von vorher in einen starken Körper verwandelt, der in der Lage war, die großen Flügel zu tragen.
      Um zu erleben, wie die Flügel sie tragen würden, ließ sie sich einfach fallen und schon konnte sie der Sonne entgegen segeln. Die großen Augen auf ihrem Rücken wehrten alle Vögel ab, denn sie dachten, dass ein Tier mit so großen Augen ja mächtig stark sein müsste, und so konnte das zarte Pfauenauge mit ganzer Lust über Sommerwiesen fliegen und jeden Tag mit seinem liebsten Sonnenstrahl fangen spielen.
      © auch wieder bei mir

      Utemi schrieb:


      Es war einmal eine kleine Raupe, die wunderschön aussah – sie hatte seidig glänzende, schwarze Haare, die in kleinen Büscheln auf ihrem Rücken standen und dazwischen leuchteten winzige lichtgrüne Punkte, die wie Sterne am Nachthimmel aussahen.


      :top:
      Das Mädchen hat schwarze Haare und Grüne Augen richtig?
      das ist eine schöne Weise einem Kind etwas zu erklären :agree:

      Ist es Zufall oder spielen viele deiner Kurzgeschichten im Reich der
      Insekten? (Schmetterlinge)
      der böse Admiral

      Richard schrieb:

      :top:
      Das Mädchen hat schwarze Haare und Grüne Augen richtig?
      das ist eine schöne Weise einem Kind etwas zu erklären :agree:

      Ist es Zufall oder spielen viele deiner Kurzgeschichten im Reich der
      Insekten? (Schmetterlinge)



      Danke für Dein Feedback, Richard :)

      naja, das Mädchen war blond und hatte graue Augen, aber das Pfauenauge sieht als Raupe wirklich so aus - naja und wenn Kinder sowas lesen und das wissen, dann kann ich ja nicht schreiben, sie wäre hellbraun oder so ...

      Ich hab auch ein "Märchen von der kleinen Kugel" (was so sehr lang ist), die so durch die Welt kugelt bis sie gefunden hat, wo sie wirklich hingehört.

      Und eins, mit dem ich aber seid 5 Jahren schwanger gehe - das beginnt damit, dass Sonne und Mond Zwillinge der Welt sind und sich dann auseinander entwickeln - aber ich hab die Erlösung noch nicht gefunden - aber ich bin auf dem Weg - immerhin finde ich grad wieder einen positiven Kontakt zu meinen Aggressionen und lern die zu mögen. Dann schaff ich das vielleicht auch umzusetzen - wie das Ende ausseiht weiß ich ja schon, aber dazwischen ...
      Naja und ich kann das nicht ausdenken, sondern ich wache auf und das Märchen liegt auf meinem Kopfkissen und ich muss es nur noch aufschreiben. Mit dem Kopf bin ich viel mehr Hightech-Zicke :grohl:

      Richard schrieb:



      Genau auf der Seite habe ich mir damals die Raupe auch angesehen - Zufall? ;)

      Das Märchen von der kleinen Kugel - Teil 1

      Vielleicht hab ich grad einen Fehler gemacht, vielleicht auch nicht. Naja, ich habe meiner Liebsten eine PN geschickt, weil ich mich vorhin über etwas von ihr gefreut hab (dabei gibt es garkeinen intellektuellen Grund für die Freude) und nun hat sie eine Frage an mich...
      Und bevor ich dieses seltsame Gefühlsgemisch in mir näher unter die Lupe nehme, stell ich Euch den ersten Teil (von vielleicht vier?) von einem Märchen hier rein, dass ich mal für sie geschrieben habe.
      Und ja, sie hat ganz samtbraune Augen ...

      Wünsche Euch eine gute Nacht :)

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      Das Märchen von der kleinen Kugel
      Es war einmal – so fangen sehr viele Märchen an. Dieses beginnt – ganz erstaunlich – im erwachenden Frühling auf einem Sandberg. Auf diesem Sandberg wachte eine kleine Kugel auf – sie war wunderschön ebenmäßig, dunkelbraun wie deine Augen und samten, nicht schwer und makellos rund. Nur eine winzigkleine Stelle gab es, die wie ein Bauchnabel aussah.
      Gerade, als die kleine Kugel zum ersten Mal in ihrem Leben die Augen aufschlug, kamen Kinder vorbei, die einen großen Beutel Murmeln dabei hatten. Viele Murmeln waren aus Ton und hatten einige abgeplatzte Stellen. Da gab es aber auch noch Glasmurmeln -schöne grüne, die durchsichtig schimmerten und auch ein paar kleine weiße, die ein schön geädertes Muster hatten. Der ganze Stolz unter den Murmeln war eine aus Glas, die sehr groß, schön und schwer war. Sie hatte in transparentem Glas eine Marmorierung aus blauen und weißen Fäden und in der Mitte prangte ein blauer Punkt, der aussah wie ein Auge. Diese Murmel fühlte sich als Königin und ließ keine Gelegenheit ungenutzt, mit ihrem blauen Auge zu strahlen.

      Wie nun die Jungen den Sandhaufen erreichten, staunten sie über die kleine braune Kugel und beschlossen, um sie zu murmeln. Sie bauten auf dem Sandhaufen eine kühn geschwungene Murmelbahn und spielten bis zum Sonnenuntergang. Der kleinen Kugel kam das Spiel sehr lustig vor und weil sie einigen Tonmurmeln sehr ähnlich war, vermutete sie, dass sie zu den Murmeln gehören würde.
      Als nun die Jungen das Spiel beendet hatten, durfte die kleine Kugel mit in den Sack zu der großen Glasmurmel mit dem schönen blauen Auge. Sie freundeten sich miteinander an und unterhielten sich ein wenig. Die Murmel erzählte der kleinen Kugel, wie sie so lebten und dass es im Winter immer eine lange Zeit gebe, in der sie im Regal schlafen würden. Sie erzählte auch, dass sie schon vielen Jungen gehört hatte und was sie da erlebte. Die kleine Kugel staunte sehr und fühlte sich neben der schönen Glasmurmel wohl. Allerdings dauerte es nicht lange und der Beutel wurde wieder genommen und die Murmel kugelten darin herum und stießen aneinander an.
      „Aua“, weinte die kleine Kugel, als sie von einem Schwall Tonkugeln begraben wurde, um kurz darauf wieder nach oben zu rollen und mit der schönen Glasmurmel zusammen zu stoßen. „Ich habe keine Arme und Hände, um Dich aufzufangen oder darin zu verstecken“, bedauerte die schöne Glasmurmel und ihr blaues Auge wurde etwas dunkler. Und obwohl es so viel Interessantes zu hören gab für die kleine Kugel und sie doch noch überhaupt nichts wusste vom Leben, beschloss sie, die nächste Gelegenheit zu nutzen, um davon zu rollen – hier inmitten der vielen Kugeln, denen es nichts ausmachte, derb aneinander zu stoßen, wollte sie nicht länger bleiben – sie fühlte genau, dass das nicht ihre Welt war.
      So kullerte sie bei der nächsten Gelegenheit davon, um an anderer Stelle danach zu suchen, wo sie hingehörte.

      Gerade war sie von dem Sandhaufen ein paar Schritte entfernt, als sie ein Zetern und Wettern hörte, das über ihr erklang und immer näher zu kommen schien.
      „Diese Elstern – immer räubern sie die Nester aus – das ist ja unglaublich und wir haben dann die Arbeit – hoffentlich ist es nicht geplatzt“, klagte ein Vogel, der auf dem nächstgelegenen Baum ein Nest gebaut hatte und bereits brütete. Ohne auch nur ein Wort an die kleine Kugel zu richten, griff er behutsam mit seinen Krallen nach ihr und flog mit ihr zu seinem Nest. Darin war es sehr gemütlich und als sie sich umsah, lagen neben ihr noch vier wunderschöne, dunkelbraune, matt schimmernde Kugeln. Sie waren allerdings etwas länglicher und unmerklich kleiner. Der Vogel wollte auch jetzt nicht mit der kleinen Kugel reden und setze sich einfach ins Nest und breitete seine Federn über alle Kugeln aus. Es war warm darunter und luftig und so weich, wie sie es sich nur wünschen konnte. Voller Wonne schlief die kleine Kugel ein, die in dem Murmelbeutel niemals auch nur ein wenig zur Ruhe gekommen war.

      Allerdings wurde sie bald durch ein erst leises, dann immer energischeres Pochen geweckt, das von den anderen Kugeln herüber klang. Es dauerte auch nicht lange, bis kleine spitze Schnäbel aus den Schalen zum Vorschein kamen und danach dunkelbraune flauschige Vogelküken die Schnäbel in die Spätfrühlingsluft streckten. Sie piepsten sehr laut und den ganzen Tag von früh bis spät. Die Vogeleltern flogen ein und aus, brachten kleine Würmer und zart schillernde Fliegen, Mücken, die manchmal noch böse brummten und auch winzige Eier von Ameisen und einige Raupen. Von der kleinen Kugel nahm niemand Notiz, solange, bis es ziemlich eng im Nest wurde, weil die Küken so schnell wuchsen.
      „Wer bist du eigentlich?“, wollte ein Vogelkind wissen, „und warum bist du denn immer noch nicht geschlüpft?“ „Oh, ich bin kein Vogel, eigentlich weiß ich nicht so genau, was ich bin“, sagte leise die kleine Kugel, die traurig war, weil sie immer noch nicht wusste, wo sie hin gehörte. Nur wusste sie jetzt genau, dass sie kein Vogel werden würde. „Aber wenn du nicht zu uns gehörst, dann ist es auch nicht richtig, wenn du uns den Platz wegnimmst“, schimpfte das zweite Küken und begann mit dem Schnabel auf die kleine Kugel einzuhacken. „Oh, bitte nicht mit dem spitzen Schnabel hacken, das vertrage ich ganz sicher nicht!“, bat die kleine Kugel. „Lieber ist es mir, wenn ihr mich aus dem Nest werft, denn dann nehme ich euch keinen Platz mehr weg und kann weiter danach suchen, wo ich hingehöre“, schlug sie den Vögeln vor.
      Diese fanden das eine gute Idee und ließen die kleine Kugel über den Nestrand ins dichte, grüne Gras fallen, das unter dem Baum wuchs. Sehr mühsam bahnte sich die kleine Kugel einen Weg durch das Dickicht und freute sich, dass es schon bald lichter wurde und sie an einem Weg angekommen war.
      © wie oben

      Das Märchen von der kleinen Kugel - Teil2

      Sie brauchte lange Zeit, um nach dem langen Steinweg endlich wieder Erde zu riechen. Sie war an einem Feld angekommen, das gerade für die Saat gepflügt wurde. Neben dem Feld lag ein großer Haufen hellbrauner Kugeln, die jedoch nicht sehr ebenmäßig waren – einige waren länglich, andere hatten Nasen und wieder andere waren völlig verbogen.
      „Seltsame Gestalten“, dachte die kleine Kugel bei sich und wünschte den anderen einen schönen Tag. „Oh, du wunderschönes Wesen“, hörte sie da eine sanfte Stimme neben sich, „wo kommst du denn her?“ Sie schaute sich um und war wie vom Blitz gerührt. Da lag eine hellbraune Kugel – ganz rund und etwas größer als sie und hatte so eine schöne Stimme, dass der kleinen Kugel ganz flau im Bauch wurde. „Ich bin auf der Suche nach Meinesgleichen“, sagte sie „und habe bisher die Bekanntschaft von Murmeln und Vögeln gemacht“. „Hihihi“, kicherte es da um sie herum „Murmeln leben doch nicht – dazu gehörst du ganz sicher nicht, hihihi und erst recht nicht zu Vögeln, wie witzig, hihihi“. Etwas irritiert und leicht errötend schaute die kleine Kugel um sich und dachte bei sich: „Woher sollte ich das denn wissen, die haben gut reden“.
      Die hellbraune Kugel stellte sich nun sehr höflich vor und sagte: „Wir sind Kartoffeln und du bist die schönste, samtbraune Kugel, die ich je gesehen habe. Selbst meine Eltern haben niemals von einer so schönen Kugel erzählt und die wiederum wissen eine Menge von den Geschichten der Großeltern und Urgroßeltern und Urur… – ach lassen wir das. Vermutlich wirst du nicht wissen, was Eltern sind. Es ist auch nicht so wichtig. Hauptsache ist, dass du zu uns gefunden hast und jetzt zu uns gehörst. Darf ich dich einladen, ein wenig bei uns zu verweilen und uns Gesellschaft zu leisten?“ „Ja, gerne“, antwortete die kleine Kugel, der diese gut aussehende Kartoffel sehr gefiel, „so allein auf der Reise zu sein ist nicht so schön“, und sie gesellte sich zu den Kartoffeln auf dem Haufen.
      Lange Tage redeten sie miteinander und erzählten Geschichten, die der kleinen Kugel gleichzeitig fremd und doch vertraut erschienen – aber sie wusste nicht, wie sie es verstehen sollte. In den Nächten kuschelten sie sich eng aneinander, um dem Nachtwind nicht so viel Fläche zur Abkühlung zu bieten.

      Bis dann eines Morgens ein seltsames Fahrzeug daher kam und die Kartoffeln auf einen Wagen geladen wurden. Alle wussten, dass es jetzt auf den Weg in die Erde geht, um eine Pflanze zu bilden und kleine Kartoffelkinder zu bekommen. Die schöne Kartoffel hatte sich inzwischen völlig in die kleine Kugel verliebt und bat sie, mit ihr zu gehen. „Oh, ich denke, dass das eine gute Erfahrung für mich ist“, antwortete die kleine Kugel, „vielleicht wachse ich ja genauso wie ihr? Das möchte ich gern probieren!“ Kaum hatte sie das gesagt, fiel sie auch schon ein glänzendes Rohr hinunter und wurde in der Erde direkt neben der schönen Kartoffel eingegraben. Es war sehr dunkel und ungewöhnlich so ohne Luft für die kleine Kugel, doch sie wollte das gern kennen lernen.
      Die Tage vergingen und es wurde immer wärmer und feuchter und so dumpf, dass die kleine Kugel beinahe meinte, ersticken zu müssen. Die Kartoffeln hatten es sich alle gemütlich gemacht und bekamen bereits Wurzeln, als es sehr feucht und warm wurde und die kleine Kugel große Angst bekam. Sie wusste kaum ein noch aus, als sie spürte, dass die Regentropfen immer direkter auf ihre Haut fielen und bald war sie frei gespült und konnte endlich wieder an die Luft kommen. Oh, wie war sie froh darüber und genoss den Regen und den würzigen Duft der feuchten Erde. Sie verabschiedete sich von den Kartoffeln, die ihr so lange Gesellschaft geleistet hatten und dankte für die vielen Geschichten. Dann machte sie sich auf den Weg, um weiter nach ihrem ureigensten Platz zu suchen.

      Kaum hatte sie sich ein Stück auf dem Weg entlang gerollt, kullerte an ihr ein schöner brauner Stein vorbei. „Warte auf mich“, rief sie ihm nach, denn er war auch braun und rund wie sie. Doch der Stein konnte nicht anhalten, denn er war von einem Fuß gestoßen worden und rollte direkt auf dem Weg hinunter zu einem Bach. Die kleine Kugel strengte sich an ihm zu folgen und sah noch, wie er in den Bach sprang. „Oh“, dachte sie so bei sich, „ob ich ihm folgen sollte?“ und noch ehe sie alles genau überlegt hatte, fühlte sie so einen Drang weiter zu rollen, dass sie nun auch nicht mehr bremsen konnte. Mit einem kleinen Satz landete sie im Wasser – jedoch der Stein war nicht mehr zu sehen – er war vermutlich untergegangen. Die kleine Kugel hingegen schwamm auf dem Wasser den schnell fließenden Bach hinab und fand das recht lustig – es schaukelte so schön. Allerdings hörte sie bald ein dumpfes Rauschen, was ihr völlig unbekannt vorkam und nicht sehr angenehm klang. So versuchte sie, ans Ufer zu steuern, aber das gelang ihr nicht alleine.
      „Hilfe“, rief sie, „kann mir jemand helfen?“, als eine Forelle ihren Kopf aus dem Wasser steckte. „Was plagt Dich denn und wer bist du?“, fragte die Forelle, die gleich darauf wieder untertauchte. „Oh, warte doch, ich will es Dir gern sagen“, antwortete die kleine Kugel. Im nächsten Augenblick kam die Forelle wieder zum Vorschein und sagte zu ihr: „Ich schwimme unter dir und höre dich, doch ich kann nicht so lange über Wasser bleiben, denn dort kann ich nicht atmen.“ „Seltsam“, dachte die kleine Kugel, „ich kann unter Wasser vermutlich nicht atmen – was es so alles auf der Welt gibt.“ Und dem Fisch erzählte sie, dass sie das dumpfe Rauschen ängstigte und sie nicht wüsste, woher diese Geräusche kämen.

      „Das sind die Stromschnellen, an denen der Bach einen großen Fels herunterfällt. Dort gurgelt das Wasser und sammelt vieles in tiefen Wasserstellen. Eine Menge schöner Steine finden sich da und auch Zweige, aber kaum etwas kommt danach wieder an die Oberfläche, weil das Wasser dort so einen großen Sog erzeugt.“ „Oh, liebe Forelle, ich weiß genau, dass ich nicht im Wasser leben kann, denn beim letzten Regen wäre ich in der Erde beinahe erstickt. Kannst du mir helfen, ans Ufer zu kommen?“, bat die kleine Kugel. „Wenn's weiter nichts ist“, sagte die Forelle, „doch du musst meine spitzen Zähne aushalten, denn anders kann ich dich nicht packen“. „Keine Sorge“, freute sich die kleine Kugel, „ich habe bereits Bekanntschaft mit den Schnäbeln von Vögeln gemacht – schlimmer wird es sicher nicht sein!“
      So nahm die Forelle die kleine Kugel behutsam in ihr Maul und schwamm in die Nähe des Ufers. Dort spie sie die kleine Kugel wieder aus und schwamm noch neben ihr, bis diese das Ufer erreichte, was in der nächsten Kurve auch gelang. Etwas außer Atem und ein wenig verfroren von dem kalten Wasser landete die kleine Kugel am Sandstrand, den der Bach angehäuft hatte und konnte sich in der Sonne wieder aufwärmen.
      © ich

      Das Märchen von der kleinen Kugel - Teil 3

      Wie sie so da saß und sich sonnte, hörte sie in unregelmäßigen Abständen kleine Stöße – so als würden Schalen platzen und dann etwas ins Laub fallen. Neugierig geworden machte sie sich auf den Weg, um unter einem Kastanienbaum die Ursache der Geräusche zu finden. War das eine Freude, als sie viele braune, glänzende Kugeln fand. Gleich suchte die kleine Kugel das Gespräch mit ihnen.
      „Wo kommt Ihr denn her?“, wollte sie von ihnen wissen und zwanzig Kastanien antworteten gleichzeitig und durcheinander, dass sie auf dem Baum gewachsen wären.
      „Hm“, dachte so die kleine Kugel bei sich, „ob ich auch auf einem Baum gewachsen bin?“ Die Kastanien erzählten davon, dass dem Baum im Frühling wunderschöne weiße Kerzenblüten wachsen würden. Dann kämen die Bienen, um Nektar zu saugen und würden dabei die Blüten bestäuben. Nur kurze Zeit später entwickelten sich daraus die stacheligen Hüllen, in denen die Kastanien – manchmal einzeln, oft auch zu zweit oder zu dritt – von dem Tag träumten, an dem sie herabfallen würden, um dann später im warmen Herbstfeuer zu knistern und als Lichtfunken in den Nachthimmel zu steigen. „Dort treffen wir alle unsere Geschwister wieder“, sagte verträumt eine Kastanie, die beinahe die Form eines Herzens hatte. „Ja, werden denn alle Kastanien zu Lichtfunken?“, fragte die kleine Kugel, der diese Vorstellung nicht sehr geheuer war.
      „Nun, ein paar besonders große Kastanien bleiben hier und müssen die Eiseskälte des kommenden Winters überstehen. Später dann, im Frühjahr, wachsen ihnen Füße, mit denen sie sich in der Erde festhalten können, um selbst Kastanienbäume zu werden.“ „Wie kalt ist der Winter?“, wollte die kleine Kugel von der Herz-Kastanie wissen.
      „Oh, woher sollte ich das denn wissen? Ich kenne den Frühlingswind, der mich sanft gewiegt hat, die Sommersonne, die mich gewärmt hat und den würzigen Duft des Herbstes, der mich gelockt hat, herauszuspringen in diese wunderschöne Welt“. Lachend kullerte sie davon und ließ die kleine Kugel einfach stehen. „Na gut“, dachte die kleine Kugel bei sich, „wenn die Kastanien es aushalten im Winter und danach so große Bäume werden, dann wird es schon nicht so schlimm sein“. Kaum hatte sie den Gedanken zu Ende gedacht, hörte sie ein leises Knistern und sah die ersten orangefarbenen Funken in den Nachmittagshimmel steigen. Gleich darauf hörte sie auch einen Rechen, der alles zusammen fegte, was unter dem Kastanienbaum nicht festgewachsen war. In letzter Minute konnte die kleine Kugel davon rollen und folgte so schnell dem Weg, dass sie nicht mehr sah, wohin sie rollte.

      Sie rollte und rollte und bald erreichte sie einen schönen Wald, der sie mit seinem Blätterdach schützend in warmes Halbdunkel tauchte. Hier war eine wundersame Ruhe und samtweiche Luft, der Wind säuselte so leise und freundlich, dass die kleine Kugel sich sehr wohl fühlte.
      „So muss es zu Hause sein“, dachte sie bei sich und bekam eine leise Wehmut, als wäre sie der Erfüllung ihres Wunsches ganz nahe gekommen. Sie rollte noch wenige Meter weiter, bis sie an einer Lichtung angekommen war. Dort suchte sie sich im warmen Licht der Abendsonne einen Platz unter einer hellen Buche, kuschelte sich in das knisternde, warme Laub und war bald darauf eingeschlafen.
      Die kleine Kugel schlief sehr lange und bemerkte nicht, wie es Winter wurde, wie weicher Schnee sie bedeckte und sanft vor eisiger Kälte behütete, spürte nicht den kalten Wind, der ab und zu die Zweige der Bäume des Waldes schüttelte und so manchen dürren Ast brach. Sie sah allerdings auch nicht das Glänzen der Sterne in der Weihnachtsnacht, die herrlich klar strahlten und in der Kälte blinkten. So schlief sie und hatte einen wunderschönen Traum von Sonnenlicht und Blumen mit zartrosa Blütenköpfen, die wie eine Krone im Kreis als Blütenkopf standen, von zartgrünen Blättern, die sich abwechselnd spiralig um den Stängel wanden und in der Sonne glänzten und glitzerten. In dem Moment wusste sie genau, woher sie kam und wie sie einmal werden würde. Sie träumte diesen wundervollen Traum sehr oft, bis sie eines wunderschönen, blanken Frühlingsmorgens von einem Sonnenstrahl wach gekitzelt wurde.

      „Aufwachen, du Langschläfer“, lachte der Sonnenstrahl und kitzelte die kleine Kugel immer wieder. „Huch, nicht doch, ich bin so kitzlig“, sagte die kleine Kugel und wollte sich zur Seite rollen – doch es gelang ihr nicht. „Was ist denn nun geschehen?“, wunderte sie sich und der Sonnenstrahl bekam kleine krause Locken vor Lachen über diese seltsam witzige Frage.
      „Nun, du bist doch eine Blume – hast du davon nicht geträumt, als du den ganzen Winter über geschlafen hast?“, fragte der Sonnenstrahl wieder etwas ernster. „Ja sicher, das habe ich geträumt“, antwortete die kleine Kugel. „Nun, wenn Blumen immer weiter rollen könnten, dann würden sie doch kein Wasser aus dem Boden trinken können und die Blüten würden abbrechen – wie denkst du dir das?“ „Meinst du, ich bekomme Füße wie die großen Kastanien, aus denen dann Bäume wachsen?“, fragte ungläubig die kleine Kugel.
      „Nicht ganz so, aber sehr ähnlich und du hast sie schon“, antwortete der Sonnenstrahl. „Hast du dich nicht schon einmal gewundert, warum du überall ganz makellos braun bist und nur an einer Stelle so einen kleinen Bauchnabel hast?“ „Ja, das habe ich – ich dachte immer, der ist dazu da, dass ich mich besser abstützen kann. Doch nun sitzt er genau oben, wie ein Mützenzipfel auf einem Kopf“, wunderte sich die kleine Kugel. „Und unter dir wächst ein Strahlenkranz weißer, zarter Wurzeln. Sie haben sich bereits mit der Erde verbunden und geben dir so Halt“, erklärte der Sonnenstrahl weiter. Jetzt spürte die kleine Kugel auch dieses sanfte Fließen in sich und irgendwie drückte es oben an der Spitze.

      Der Sonnenstrahl war hinter einem kahlen Ast verschwunden, an dem kleine Knospen aufgereiht waren und deren Hüllen mit einem sanften Laut platzten. Zarte grüne Triebe schauten daraus hervor. „So ähnlich könnte das bei mir auch aussehen“, dachte die kleine Kugel und es dauerte nicht lange, bis die ersten zarten Blätter aus der Spitze hervor schauten.
      Nun war es nicht mehr schwer für die kleine Pflanze, die längst keine kleine Kugel mehr war, sich vorzustellen, wie es weitergehen könnte. So träumte sie nachts im Schlaf von glänzenden Blättern, einem Stängel, der größer, fester und dicker wurde. Und sie träumte von vielen bauchigen, glänzenden Blättern, die die Tautropfen sammeln konnten und so in der Sonne glitzerten.
      Doch es dauerte nicht lange, bis die Buche über ihr auch ihre Blätter ausgetrieben hatte und so erst ein hellgrünes, später ein tiefgrünes Blätterdach bildete. Anfänglich bemerkte die kleine Pflanze es noch nicht, dass sie den Sonnenstrahl schon lange nicht mehr gesehen hatte. Aber mit der Zeit wurde sie traurig, denn sie wollte ihn doch gern fragen, wann andere Blumen ihre Blüten bekämen. Allerdings begann nun auf der Buche ein Buchfinkenpaar sein Nest zu bauen. Die kleine Pflanze war sehr stolz, dass sie genau wusste, wie das vor sich ging und erinnerte sich daran, dass die Vögel immer durstig waren von der schweren Arbeit. So drehte sie ihre glänzenden breiten Blätter nach oben, dass sie wie kleine Teller das Wasser des Regens und die Tautropfen auffingen. Dankend erfreuten sich die Buchfinken an dem frischen Wasser und bemerkten nun, dass die kleine Pflanze völlig im Schatten des großen Baumes wuchs. Ihnen fiel es überhaupt nicht schwer, ein paar zarte neue Zweige während des Bauens so in das Nest einzubinden, dass eine Lücke entstand, um die Sonnenstrahlen wieder bis zu der kleinen Pflanze gelangen zu lassen.

      Darüber freute sich die kleine Pflanze sehr und schon in den nächsten Tagen wuchsen die ersten kleinen Ansätze der Blütenknospen an der Stängelspitze. Sie war froh und sehr aufgeregt, wie es weiter gehen würde. Jeden Tag kam der Sonnenstrahl auf ein paar Augenblicke vorbei und plauderte mit ihr. Bis es dann einen kleinen Ruck gab und die erste von acht Blütenknospen sich öffnete. Wie ein Stern leuchtete die Blüte über die Waldlichtung. Verwundert über den Glanz fanden sich viele Tiere ein, um die schöne Blume zu betrachten.
      Jeden Tag öffnete sich eine weitere Blüte, bis sich bald ein voller Kranz aus kleinen Sternen gebildet hatte, der in der Mitte der Blütenkelche rosa wie das Morgenrot schimmerte und außen weiß, wie die Sterne vom klaren Nachthimmel. Die Pflanze erfreute die Vögel weiter mit den großen Blättern, in denen sich das Wasser sammelte und die Bienen liebten sie für den herrlichen Nektar, der sie in ihre Blütenkelche lockte. Die Igel lächelten, wenn sie abends auf die Suche nach Schnecken gingen, weil die Blüten auch im Dunkeln noch sanft schimmerten und ihnen wie Laternen auf dem Heimweg leuchteten. Und wenn es einmal stark regnete, versammelten sich unzählige Käfer und Ameisen unter den kräftigen Blättern, um da geschützt und geborgen zu sein.
      So hat die kleine Kugel als wunderschöne Lilie das Leben der Waldlichtung verändert und bereichert. Und im frühen Herbst spürte sie, wie sich an Stelle der Blütenknospen kleine braune Kugeln gebildet hatten, die wie makellos schöne Augen auf die Lichtung schauten. Leise lächelnd verabschiedete sie jede einzelne im Frühjahr mit einem zarten Kuss und wünschte ihnen eine spannende Reise bis zum Ort ihrer Bestimmung.
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