Jemanden verstehen

      Ich treffe laufend erwachsene Leute, die trotz höheren Alters nicht in der Lage sind, ihren eigenen Horizont zu verlassen. Allgemein ist es eine eher seltene Fähigkeit, sich in die Lage anderer reindenken zu können, oder insbesondere Dinge nachvollziehen zu können, die man selber anders sieht oder die man selber nicht erfahren hat.

      Ich denke schon, dass man andere sehr gut verstehen kann. Aber das setzt bei mir voraus, dass ich sehr viel über den Menschen weiß und dass er sehr kommunikativ ist und mir die nötigen Details vermitteln kann. Ohne Kenntnis vieler Kleinigkeiten kann man nicht die komplexen Zusammenhänge durchschauen, die Entscheidungen und Empfindungen ausmachen. Der Mensch als Individuum wird ja jahrelang durch alle seine Erlebnisse und Mitmenschen geprägt und geformt.

      Was dann noch oft nötig ist, was ich oft merke, dass es mir fehlt, ist eine eigene Erfahrung, an die man andocken kann. Man kann sich ja viel in der Theorie ausmalen, aber Situationen, die man nie selber erlebt hat, kann man, gerade wenn sie extrem sind, sich einfach nicht vorstellen. Ich wüsste z.B. nicht, wie ich bei einer Massenpanik agieren würde. Jetzt so ausm Bauch heraus würde ich mich für beherrscht und rational halten. Aber ich habe von genug "Teilnehmern" einer Panik gehört, dass sie sich selbst wie fremdgesteuert empfanden und sich nicht wieder erkannt haben. Ebenso habe ich Probleme mit Leuten, die einen Todesfall hatten, da mir bisher noch nie ein wichtiger Mensch gestorben ist. Das ist eine Lage, die ich mir emotional und empathisch nicht vorstellen kann, nur pragmatisch und logisch.

      Ich interessiere mich aber hobbymäßig für Psychologie, Kommunikation und Pädagogik, irgendwie alles, was den Menschen, sein Denken und Verhalten ausmacht. Daher würde ich sagen, muss man auch fachlich eine gewisse Kompetenz oder Verständnis für Zusammenhänge haben.

      Unterm Strich mangelt es vielen Menschen dann eben an irgendeiner dieser Voraussetzungen. Ich kann mir vorstellen, dass sich viele in einen Partner versetzen können, oder einen guten Freund, mit dem man jahrelang in Kontakt steht, weil man das Wesen dieses eines Menschen lernt. Aber die Fähigkeit, sich in verschiedene bis hin zu beliebige Personen hinein zu versetzen, geht vielen ab. Mir wird das z.B. bei Amokläufen bewusst, da wird schnell pauschalisiert, gehetzt, durch Medien gehypet. Dann wird über irgendein Verbot diskutiert, ins Detail guckt keiner. Und was einen Schüler dazu treibt, Mitmenschen zu erschießen, ist einfach viel mehr als irgendein Videospiel.

      Aber eben wenn es um solche Fälle geht, da weigern sich auch dann die meisten, sich überhaupt hinein denken zu wollen. Kaum jemand mag sich auf das Gedankenspiel einlassen, einen Pädophilen auch mal als Opfer von irgendwelchen schlimmen Prägungen oder einer beschädigten Psyche zu sehen.

      Aber kommen wir zurück zu den normalen Fällen. Ich würde bestätigen, was oben schon mal gesagt wurde, mit steigendem Alter steigt auch mein Verständnis für Dinge. Da wandelt sich Lebenserfahrung eben doch in Weisheit um und unsere Erlebnisse machen uns eben reicher und vielseitiger. Wenn man jetzt in der Lage ist, das auch noch auszuwerten, hat man umso mehr davon, und die Mitmenschen auch.

      Eine ganz wichtige Fähigkeit, die ich auch oft vermisse, ist selbstkritisch zu sein und sagen zu können, ich verstehe etwas nicht. Weil mir Infos fehlen, weil ich keine vergleichbare Lebenslage je erlebt habe, oder was auch immer. Aber die Stärke mal keine Meinung zu haben aus dem Wissen dass man vieles nicht weiß, die fehlt vielen. Die Erkenntnis der eigenen Begrenztheit ist ein Schlüssel zu der nötigen Weisheit, meiner Meinung nach. Und es ist auch wichtig zu erkennen, dass der andere Mensch eben ein anderer Mensch ist und man sich nicht selbst und die eigenen Gedanken und Entscheidungsmechanismen nicht passen. Anderer Mensch bedeutet andere Erlebnisse, andere Entscheidungen. Um sich in einen anderen zu versetzen muss man erst mal sich selber dafür verlassen können.

      So denke ich, mit Erfahrung, Weisheit, Bescheidenheit, ggf. fachlicher Kompetenz und genug Zeit und Information kann man sich in vieles hereinversetzen. Man muss dazu aber auch mal unübliche und gewagte Pfade gehen können. Man muss ggf. auch mal die gängige Moral oder Ethik ablegen können, wenn man extreme Fälle betrachten will. Wir deutschen haben in der Vergangenheit ja genug schlimmen Stoff dafür. Anstatt das immer nur zu tabuisieren und auszugrenzen muss man sich auch da mal versuchen hinein zu versetzen. Dann würde man vielleicht eher erkennen, warum Rechtsextreme Zuwachs bekommen. Aber dazu darf man sich nicht von außen darüber ekeln und es einfach abtun, sondern da muss man sich wohl mal in eine Rolle versetzen, die man selber nie annehmen würde.

      Es passiert mir oft, wenn ich extreme Positionen einnehme, oder den Advokatus Diaboli spiele, dass man mir meine Aussagen persönlich übel nimmt. Viele Menschen können nicht mal differenzieren, wenn man eine Rolle einnimmt oder nur für die Diskussion versucht eine fremde Argumentationshaltung einzunehmen. Nicht weil man selber so denkt, sondern weil man in der Diskussion eine fiktive Position einnimmt.

      Hm okay jetzt hab ich mir das alles mal von der Leber gelabert.

      -JAW
      Eine ganz wichtige Fähigkeit, die ich auch oft vermisse, ist selbstkritisch zu sein und sagen zu können, ich verstehe etwas nicht.

      Das finde ich auch wichtig, und nicht nur unter dem Aspekt der Selbstkritik. Ich finde, man MUSS auch nicht alles verstehen.

      Es passiert mir oft, wenn ich extreme Positionen einnehme, oder den Advokatus Diaboli spiele, dass man mir meine Aussagen persönlich übel nimmt. Viele Menschen können nicht mal differenzieren, wenn man eine Rolle einnimmt oder nur für die Diskussion versucht eine fremde Argumentationshaltung einzunehmen. Nicht weil man selber so denkt, sondern weil man in der Diskussion eine fiktive Position einnimmt.

      Da ist es aber an einem selbst, das den Diskussionspartner klar zu machen - wenn man denn möchte, dass sie das erkennen.